Es gibt eine stil­le Ent­wick­lung in vie­len christ­li­chen Gemein­den, die kaum jemand offen aus­spricht, obwohl sie weit­rei­chen­de Fol­gen hat. Wir haben uns einen Gott erschaf­fen, der unse­ren Vor­stel­lun­gen von Frie­den, Har­mo­nie und per­sön­li­chem Wohl­be­fin­den ent­spricht, aber wenig mit dem Gott der Bibel zu tun hat. Die­ser selbst kon­stru­ier­te Gott ist zahm, bere­chen­bar und vor allem bequem. Er for­dert nichts, er stört nicht, er kon­fron­tiert nie­man­den mit unbe­que­men Wahr­hei­ten. Statt­des­sen nickt er freund­lich zu allem, was wir tun, solan­ge wir uns gut dabei füh­len. Die­se Ten­denz, Gott nach unse­rem Bild zu for­men statt uns nach sei­nem Bild­for­men zu las­sen, ist kei­ne neue Erschei­nung, aber sie hat in unse­rer Zeit eine besorg­nis­er­re­gen­de Dimen­si­on erreicht.

Die Bibel zeigt uns einen Gott, der hei­lig, gerecht und gleich­zei­tig barm­her­zig ist. Die­ser Gott liebt uns bedin­gungs­los, aber er lässt uns nicht in unse­rem Zustand. Er ist ein Gott, der die Geld­wechs­ler aus dem Tem­pel treibt, der Pro­phe­ten sen­det, die unbe­que­me Bot­schaf­ten ver­kün­den, der von sei­nen Nach­fol­gern ver­langt, ihr Kreuz auf sich zu neh­men. In Hebrä­er 12,29 heißt es “Denn unser Gott ist ein ver­zeh­ren­des Feu­er”. Das ist eine Aus­sa­ge, die in vie­len moder­nen Pre­dig­ten kei­nen Platz mehr fin­det, weil sie nicht in das har­mo­ni­sche Welt­bild passt, das vie­le Gemein­den heu­te pfle­gen. Wir bevor­zu­gen die Vor­stel­lung eines Got­tes, der uns in den Arm nimmt und sagt, dass alles gut ist, ganz gleich, wie wir leben.

Doch zu behaup­ten, Gott wür­de alles ein­fach durch­ge­hen las­sen, ist eine Lüge, eine Täu­schung – letzt­lich eine Form geist­li­cher Selbst­be­täu­bung. Ein Gott, der Sün­de igno­riert, wäre nicht der Gott der Bibel, son­dern eine mensch­li­che Pro­jek­ti­on, geschaf­fen, um das eige­ne Gewis­sen zu beru­hi­gen. Eine Lie­be, die nicht zur Wahr­heit führt, ist kei­ne Lie­be, son­dern Gleich­gül­tig­keit. Wer Got­tes Hei­lig­keit aus­blen­det, betrügt sich selbst und beraubt das Evan­ge­li­um sei­ner Kraft. Denn nur ein Gott, der Sün­de ernst nimmt, kann uns wirk­lich ret­ten; nur ein Gott, der hei­lig ist, kann uns hei­li­gen; und nur ein Gott, der rich­tet, kann uns aus dem Gericht befrei­en.

Diet­rich Bon­hoef­fer warn­te bereits vor Jahr­zehn­ten vor der bil­li­gen Gna­de, die Ver­ge­bung ohne Umkehr pre­digt. Er schrieb, dass bil­li­ge Gna­de die Recht­fer­ti­gung der Sün­de statt die Recht­fer­ti­gung des Sün­ders sei. Die­se Wor­te haben heu­te viel­leicht mehr Bedeu­tung denn je. In dem Bestre­ben, nie­man­den zu ver­let­zen und alle Men­schen will­kom­men zu hei­ßen, haben wir die pro­phe­ti­sche Stim­me der Kir­che gedämpft. Wir spre­chen nicht mehr über Sün­de, über Buße, über die Not­wen­dig­keit einer ech­ten Lebens­ver­än­de­rung. Statt­des­sen bie­ten wir einen the­ra­peu­ti­schen Glau­ben an, der haupt­säch­lich dazu dient, unser Selbst­wert­ge­fühl zu stär­ken und uns durch schwie­ri­ge Zei­ten zu hel­fen.

Die Fol­ge die­ser Ent­wick­lung ist eine Gene­ra­ti­on von Chris­ten, die mit ech­ten bibli­schen Tex­ten kaum noch etwas anfan­gen kann. Wenn Gott im Alten Tes­ta­ment Gerich­te über Völ­ker bringt oder wenn Jesus im Neu­en Tes­ta­ment har­te Wor­te über Heu­che­lei und reli­giö­se Selbst­ge­rech­tig­keit spricht, reagie­ren vie­le mit Unver­ständ­nis oder Ableh­nung. Sie fra­gen sich, wie ein lie­ben­der Gott so han­deln oder so reden kann. Die Ant­wort liegt dar­in, dass wir Got­tes Lie­be zu sehr durch unse­re moder­ne, emo­tio­na­le Bril­le betrach­ten. Got­tes Lie­be ist nicht weich­ge­spült oder gleich­gül­tig gegen­über dem Bösen. Sei­ne Lie­be ist hei­lig, und gera­de weil er liebt, kann er Unrecht nicht ein­fach igno­rie­ren.

Jesus selbst war bei wei­tem nicht der sanf­te, stets lächeln­de Frie­dens­stif­ter, als den ihn vie­le dar­stel­len. Ja, er war vol­ler Mit­ge­fühl für die Ver­lo­re­nen und Aus­ge­grenz­ten, aber er scheu­te sich nicht, die reli­giö­sen Füh­rer sei­ner Zeit als Heuch­ler und Schlan­gen­brut zu bezeich­nen. In Mat­thä­us 23,33 fragt er die Schrift­ge­lehr­ten und Pha­ri­sä­er “Ihr Schlan­gen, ihr Ottern­brut, wie wollt ihr dem Gericht der Höl­le ent­rin­nen?” Das sind har­te Wor­te, die in kei­ner Wei­se dem Bild des harm­lo­sen Jesus ent­spre­chen, den wir uns oft zurecht­ge­legt haben. Jesus brach­te Frie­den, aber er brach­te auch ein Schwert, wie er selbst in Mat­thä­us 10,34 sag­te: “Ihr sollt nicht mei­nen, dass ich gekom­men bin, Frie­den zu brin­gen auf die Erde. Ich bin nicht gekom­men, Frie­den zu brin­gen, son­dern das Schwert.” Er kam, um Men­schen zu tren­nen, zwi­schen denen, die ihm nach­fol­gen wol­len, und denen, die das ableh­nen.

In unse­rer Zeit wird Har­mo­nie oft höher geschätzt als Wahr­heit. Wir wol­len kei­ne Kon­flik­te, kei­ne unbe­que­men Gesprä­che, kei­ne kla­ren Posi­tio­nie­run­gen. Das Ergeb­nis ist eine ver­wäs­ser­te Theo­lo­gie, die nie­man­dem weh­tut, aber auch nie­man­dem wirk­lich hilft. Der Apos­tel Pau­lus schreibt in 2. Timo­theus 4,3–4: “Denn es wird eine Zeit kom­men, da sie die heil­sa­me Leh­re nicht ertra­gen wer­den; son­dern nach ihren eige­nen Gelüs­ten wer­den sie sich selbst Leh­rer auf­la­den, nach denen ihnen die Ohren jucken, und wer­den die Ohren von der Wahr­heit abwen­den und sich den Fabeln zukeh­ren.” Die­se Pro­phe­zei­ung scheint sich in unse­ren Tagen zu erfül­len. Men­schen suchen sich Gemein­den und Pre­di­ger aus, die ihnen sagen, was sie hören wol­len, nicht was sie hören müs­sen.

Die­se Ent­wick­lung soll­te uns wach­rüt­teln. Wenn Gemein­den begin­nen, die Wahr­heit zuguns­ten von Har­mo­nie, Popu­la­ri­tät oder kul­tu­rel­ler Anpas­sung zu opfern, ver­lie­ren sie ihren Auf­trag und ihre geist­li­che Sub­stanz. Eine Kir­che, die nur noch bestä­tigt, was Men­schen ohne­hin den­ken, ist kei­ne Kir­che mehr, son­dern ein Echo der Gesell­schaft. Pau­lus’ War­nung rich­tet sich nicht nur an „die ande­ren“, son­dern an uns selbst: Wir müs­sen prü­fen, ob wir noch bereit sind, uns von Got­tes Wort kor­ri­gie­ren zu las­sen; auch dann, wenn es uns unbe­quem ist. Eine Gemein­de, die die heil­sa­me Leh­re auf­gibt, ver­liert nicht nur ihre Ori­en­tie­rung, son­dern auch ihre Kraft. Dar­um ist es heu­te nöti­ger denn je, dass Chris­ten wach­sam blei­ben, die Wahr­heit lie­ben und sich nicht von süß klin­gen­den, aber geist­lich lee­ren Bot­schaf­ten ver­füh­ren las­sen.

Die Ver­weich­li­chung des Glau­bens zeigt sich auch in unse­rer Unfä­hig­keit, mit Leid und Anfech­tung umzu­ge­hen. Der moder­ne Christ erwar­tet von Gott, dass er ein Leben ohne grö­ße­re Pro­ble­me garan­tiert. Wenn Schwie­rig­kei­ten kom­men, wird der Glau­be schnell erschüt­tert, weil wir ver­ges­sen haben, dass Jesus sei­nen Jün­gern Ver­fol­gung und Lei­den ange­kün­digt hat. In Johan­nes 16,33 sagt er “In der Welt habt ihr Bedräng­nis, aber seid getrost, ich habe die Welt über­wun­den”. Bedräng­nis ist also nicht die Aus­nah­me, son­dern die Regel für Men­schen, die Chris­tus ernst­haft nach­fol­gen. Ein ver­weich­lich­ter Glau­be kann mit die­ser Rea­li­tät nicht umge­hen, weil er von der fal­schen Prä­mis­se aus­geht, dass Gott uns ein beque­mes Leben schul­det.

Dar­um müs­sen wir uns ernst­haft fra­gen, wel­chen Glau­ben wir eigent­lich leben. Ein Glau­be, der nur trägt, solan­ge alles gut läuft, ist kein bibli­scher Glau­be, son­dern eine reli­giö­se Illu­si­on. Wenn wir die Vor­stel­lung pfle­gen, Gott sei vor allem dafür da, unser Leben ange­nehm zu gestal­ten, dann betrü­gen wir uns selbst – und wir berau­ben uns der Kraft, die ech­te Nach­fol­ge schenkt. Die Hei­li­ge Schrift ruft uns immer wie­der dazu auf, stand­haft zu blei­ben, uns nicht von Prü­fun­gen über­ra­schen zu las­sen und im Lei­den Chris­tus ähn­li­cher zu wer­den. Ein weich­ge­spül­ter Glau­be bricht unter Druck zusam­men; ein gereif­ter Glau­be aber wächst gera­de in der Bedräng­nis. Dar­um ist es heu­te nöti­ger denn je, dass wir uns von fal­schen Erwar­tun­gen lösen und uns neu an Chris­tus aus­rich­ten, der uns nicht ein beque­mes Leben ver­spricht, son­dern sei­ne Gegen­wart – und das ist unend­lich mehr.

Charles Spur­ge­on, der gro­ße eng­li­sche Pre­di­ger des 19. Jahr­hun­derts, sag­te ein­mal, dass eine Kir­che, die mit der Welt ver­hei­ra­tet ist, in der nächs­ten Gene­ra­ti­on ver­wit­wet sein wird. Die­se Beob­ach­tung trifft den Kern des Pro­blems. Wenn die Kir­che ihre Bot­schaft so anpasst, dass sie für die Welt akzep­ta­bel wird, ver­liert sie ihre eigent­li­che Iden­ti­tät und Kraft. Die Kir­che ist nicht dazu beru­fen, popu­lär zu sein, son­dern treu. Sie soll ein Zei­chen set­zen, ein Leucht­turm sein, nicht ein Cha­mä­le­on, das sich sei­ner Umge­bung anpasst. Spur­ge­ons Bild macht deut­lich, was auf dem Spiel steht. Eine Kir­che, die sich der Welt anpasst, ver­liert nicht nur ihre Bot­schaft, son­dern auch ihre geist­li­che Auto­ri­tät. Wenn sie ver­sucht, durch Anpas­sung rele­vant zu blei­ben, wird sie gera­de dadurch irrele­vant, weil sie nichts mehr zu sagen hat, was die Welt nicht ohne­hin schon denkt. Die Kraft der Kir­che liegt nicht in ihrer kul­tu­rel­len Anschluss­fä­hig­keit, son­dern in ihrer Anders­ar­tig­keit; in ihrer Treue zu Chris­tus, in ihrer Hei­lig­keit, in ihrer Bereit­schaft, gegen den Strom zu schwim­men. Ein Leucht­turm erfüllt sei­nen Zweck gera­de dadurch, dass er nicht mit der Dun­kel­heit ver­schmilzt, son­dern ihr wider­spricht. Eben­so ist die Kir­che beru­fen, Licht zu sein, nicht Spie­gel. Wo sie das ver­gisst, ver­liert sie ihre Beru­fung und am Ende sich selbst.

Es ist wich­tig zu beto­nen, dass die­se Kri­tik nicht bedeu­tet, dass Chris­ten lieb­los oder unbarm­her­zig sein soll­ten. Im Gegen­teil, ech­te Lie­be ist ehr­lich. Sie sagt die Wahr­heit, auch wenn sie unbe­quem ist. Ein Arzt, der einem Pati­en­ten eine ernst­haf­te Dia­gno­se ver­schweigt, um des­sen Gefüh­le zu scho­nen, han­delt nicht lie­be­voll, son­dern ver­ant­wor­tungs­los. Genau­so ver­hält es sich mit einem Glau­ben, der Men­schen in fal­scher Sicher­heit wiegt, statt sie zur Umkehr zu rufen. Die Bot­schaft des Evan­ge­li­ums ist zugleich die schöns­te und die erns­tes­te Bot­schaft, die es gibt. Sie ver­kün­det Ret­tung, aber sie macht auch deut­lich, dass die­se Ret­tung not­wen­dig ist, weil wir ver­lo­ren sind.

Dar­um braucht unse­re Zeit eine Rück­kehr zu die­ser ehr­li­chen, heil­sa­men Lie­be. Eine Lie­be, die nicht beschwich­tigt, son­dern heilt; die nicht ver­harm­lost, son­dern befreit. Wenn wir Men­schen die Wahr­heit vor­ent­hal­ten, berau­ben wir sie der Mög­lich­keit zur Umkehr und damit der Erfah­rung ech­ter Gna­de. Das Evan­ge­li­um ist kein Wohl­fühl­pro­gramm, son­dern Got­tes ret­ten­de Wahr­heit für ver­lo­re­ne Men­schen. Wer die­se Wahr­heit ver­schweigt, mag freund­lich erschei­nen, aber er han­delt nicht im Sin­ne Chris­ti. Wah­re Lie­be wagt das kla­re Wort, weil sie das ewi­ge Wohl des ande­ren im Blick hat – und weil sie weiß, dass nur die Wahr­heit frei macht.

Die Rück­kehr zu einem bibli­schen Got­tes­bild erfor­dert Mut. Es bedeu­tet, sich von der Vor­stel­lung zu ver­ab­schie­den, dass Gott haupt­säch­lich dazu da ist, unse­re Wün­sche zu erfül­len. Es bedeu­tet anzu­er­ken­nen, dass wir nicht die Her­ren unse­res Lebens sind, son­dern dass Gott das Recht hat, von uns Gehor­sam zu for­dern. Es bedeu­tet auch, dass wir wie­der ler­nen müs­sen, schwie­ri­ge bibli­sche Tex­te ernst zu neh­men, statt sie weg­zu­er­klä­ren oder zu igno­rie­ren. Gott ist grö­ßer, hei­li­ger und auch beängs­ti­gen­der, als wir es uns oft vor­stel­len wol­len. Aber gera­de dar­in liegt auch sei­ne Grö­ße und die Kraft sei­ner Lie­be, denn die­ser hei­li­ge Gott hat sich in Jesus Chris­tus klein gemacht, um uns zu ret­ten.

Letzt­lich geht es um die Fra­ge, wem wir die­nen wol­len. Die­nen wir einem Gott, den wir nach unse­rem Bild geschaf­fen haben, oder die­nen wir dem leben­di­gen Gott, der sich in der Hei­li­gen Schrift offen­bart hat? Die ers­te Opti­on ist beque­mer, aber sie führt in eine Sack­gas­se. Die zwei­te Opti­on ist her­aus­for­dernd und ver­langt von uns ech­te Hin­ga­be, aber sie führt zu authen­ti­schem Leben und ech­ter Gemein­schaft mit dem Schöp­fer. Es ist höchs­te Zeit, dass Chris­ten auf­wa­chen und erken­nen, dass ein gezähm­ter Gott kein Gott ist, son­dern ein Göt­ze. Der wah­re Gott for­dert uns her­aus, ver­än­dert uns und führt uns auf Wege, die wir nicht immer ver­ste­hen. Aber nur die­ser Gott kann uns wirk­lich ret­ten und uns ein Leben geben, das über unser eige­nes klei­nes Dasein hin­aus­weist.

bbeck­blog­ger

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