Die Fra­ge, ob Regie­run­gen alles tun dür­fen, weil sie nach Römer 13 von Gott ein­ge­setzt sind, berührt einen emp­find­li­chen Punkt unse­res Glau­bens und unse­res Gewis­sens. Pau­lus schreibt in Römer 13,1–2 “Es gibt kei­ne Obrig­keit außer von Gott; die bestehen­den aber sind von Gott ein­ge­setzt. Wer sich daher der Obrig­keit wider­setzt, wider­steht der Anord­nung Got­tes.” Die­se Wor­te sind klar, und sie sind ernst. Doch sie sind nicht als Frei­brief für Macht­miss­brauch gedacht, son­dern als Ein­ord­nung staat­li­cher Auto­ri­tät in Got­tes grö­ße­re Wirk­lich­keit.

Wenn wir die Hei­li­ge Schrift als Gan­zes betrach­ten, erken­nen wir, dass Gott sou­ve­rän ist. Dani­el bekennt in Dani­el 2,21 “Er setzt Köni­ge ab und setzt Köni­ge ein.” Das bedeu­tet zunächst, dass kein Herr­scher unab­hän­gig von Gott exis­tiert. Kein Prä­si­dent, kein König, kein Par­la­ment ent­zieht sich letzt­lich Got­tes Wis­sen und Gericht. Doch Got­tes Sou­ve­rä­ni­tät bedeu­tet nicht, dass jede Hand­lung einer Regie­rung auto­ma­tisch gut oder gerecht ist. Die Bibel unter­schei­det klar zwi­schen Ein­set­zung und Bil­li­gung. Dass Gott eine Herr­schaft zulässt oder gebraucht, heißt nicht, dass er jede ihrer Ent­schei­dun­gen gut­heißt.

Das ist die Tra­gik, die wir heu­te bei man­chen bibel­treu­en Chris­ten beob­ach­ten: Sie loben bestimm­te Regie­run­gen über­schwäng­lich, obwohl die­se Regie­run­gen gegen das Völ­ker­recht han­deln, Krie­ge füh­ren oder unschul­di­ge Men­schen töten. Unter Beru­fung auf Römer 13,1–2 wird staat­li­ches Han­deln pau­schal legi­ti­miert; als wäre jede poli­ti­sche Ent­schei­dung auto­ma­tisch Aus­druck des gött­li­chen Wil­lens. Doch damit wird die Hei­li­ge Schrift miss­ver­stan­den und miss­braucht. Pau­lus for­dert Gehor­sam gegen­über der staat­li­chen Ord­nung, nicht blin­de Zustim­mung zu Unrecht. Die Bibel kennt vie­le Bei­spie­le, in denen Got­tes Volk gera­de gegen unge­rech­te Herr­scher stand – aus Treue zu Gott, nicht aus Rebel­li­on.

Wenn Chris­ten staat­li­che Gewalt unkri­tisch hei­li­gen, ver­lie­ren sie den pro­phe­ti­schen Blick der Hei­li­gen Schrift: dass Gott Herr­scher ein­setzt, aber auch rich­tet; dass er Auto­ri­tät gibt, aber nie­mals Unrecht gut­heißt; dass Gehor­sam nie bedeu­tet, das Gewis­sen abzu­schal­ten. Wer Römer 13 benutzt, um Blut­ver­gie­ßen zu recht­fer­ti­gen, stellt sich nicht auf die Sei­te Got­tes, son­dern instru­men­ta­li­siert sein Wort für mensch­li­che Macht­in­ter­es­sen.

Die staat­li­che Gewalt hat nach bibli­schem Zeug­nis eine Auf­ga­be. Pau­lus schreibt in Römer 13,4 über die Obrig­keit “Denn sie ist Got­tes Die­ne­rin dir zum Guten.” Hier liegt eine kla­re Gren­ze. Regie­rung ist nicht Selbst­zweck, son­dern soll dem Guten die­nen. Sie soll das Böse ein­däm­men, Recht schüt­zen, Ord­nung ermög­li­chen.

Auch Petrus ruft zur Unter­ord­nung auf. In 1 Petrus 2,13–14 heißt es “Ord­net euch aller mensch­li­chen Ord­nung unter um des Herrn wil­len, es sei dem König als dem Obers­ten oder den Statt­hal­tern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestra­fung der Übel­tä­ter und zum Lob derer, die Gutes tun.” Wie­der wird der Zweck genannt. Bestra­fung des Bösen, Schutz des Guten. Das ist der Rah­men. Unter­ord­nung bedeu­tet, die von Gott gesetz­te Ord­nung anzu­er­ken­nen; nicht, jede ein­zel­ne staat­li­che Maß­nah­me gut­zu­hei­ßen. Chris­ten ord­nen sich um des Herrn wil­len unter, und genau des­halb bleibt ihre höchs­te Loya­li­tät immer bei Chris­tus.

Wir die­nen und loben Chris­tus; nicht Regie­rungs­chefs, nicht poli­ti­sche Sys­te­me, nicht mensch­li­che Auto­ri­tä­ten. Jede irdi­sche Macht ist begrenzt, vor­läu­fig und dem Gericht Got­tes unter­stellt.

Wenn Chris­ten begin­nen, poli­ti­sche Füh­rer zu ver­herr­li­chen oder ihnen eine quasi‑religiöse Bedeu­tung zuzu­schrei­ben, ver­lie­ren sie den Blick für das Evan­ge­li­um. Unse­re Anbe­tung gehört nicht den Mäch­ti­gen die­ser Welt, son­dern dem, der für uns gestor­ben und auf­er­stan­den ist. Des­halb bleibt die Kir­che frei: frei, das Gute zu unter­stüt­zen, frei, Unrecht zu benen­nen, frei, Chris­tus über alles zu ehren.

Die Apos­tel selbst haben die­se Gren­ze deut­lich gezo­gen. Als ihnen ver­bo­ten wur­de, im Namen Jesu zu reden, ant­wor­te­ten sie in Apos­tel­ge­schich­te 5,29 “Man muss Gott mehr gehor­chen als den Men­schen.” Hier wird klar, dass staat­li­che Auto­ri­tät rela­tiv ist. Sie ist real, sie ist ernst zu neh­men, aber sie ist nicht abso­lut. Wo der Staat for­dert, was Gott ver­bie­tet, oder ver­bie­tet, was Gott gebie­tet, endet der Gehor­sam des Chris­ten.

Was bedeu­tet das für die Fra­ge nach mili­tä­ri­schen Angrif­fen oder sogar nach dem Töten unschul­di­ger Men­schen. Die Bibel ist ein­deu­tig, wenn es um das vor­sätz­li­che Töten Unschul­di­ger geht. Das sechs­te Gebot sagt in 2 Mose 20,13 “Du sollst nicht töten.” Die­ses Gebot schützt das Leben als Gabe Got­tes. Zwar kennt die Bibel auch das Recht des Staa­tes, Gewalt anzu­wen­den, doch die­se Gewalt ist gebun­den an Recht und Gerech­tig­keit. Sie darf nicht will­kür­lich sein. Sie darf nicht dem Macht­stre­ben die­nen. Sie darf nicht unschul­di­ges Leben ver­ach­ten.

Wenn wir nun die aktu­el­len Krie­ge – zwi­schen Russ­land und der Ukrai­ne, eben­so wie die Eska­la­tio­nen zwi­schen Iran, Isra­el und den USA – näher betrach­ten, sehen wir, dass hier in vie­len Fäl­len will­kür­lich Recht gebro­chen wur­de. Unschul­di­ge Men­schen ster­ben, Städ­te wer­den zer­stört, Fami­li­en aus­ein­an­der­ge­ris­sen. Die­se Gewalt ist nicht von Gott gewollt. Sie wider­spricht sei­nem Wesen, sei­nem Gebot und sei­ner Gerech­tig­keit. Wo Regie­run­gen Krie­ge füh­ren, die das Völ­ker­recht miss­ach­ten, wo Macht­in­ter­es­sen über Men­schen­le­ben gestellt wer­den, dort wird nicht Got­tes Wil­le getan, son­dern mensch­li­che Sün­de sicht­bar. Tra­gisch ist, dass man­che Chris­ten sol­che Gewalt mit Römer 13 legi­ti­mie­ren und damit – oft unbe­wusst – das Blut unschul­di­ger Men­schen reli­gi­ös über­tün­chen. Doch hier wird die Hei­li­ge Schrift miss­ver­stan­den und der Name Got­tes instru­men­ta­li­siert.

Ein wah­rer Jün­ger Jesu muss an die­sem Punkt klar Nein sagen – nicht aus poli­ti­scher Loya­li­tät, son­dern aus Treue zu Chris­tus, der der Fürst des Frie­dens ist und der das Leben schützt.

Pro­phe­ten im Alten Tes­ta­ment haben Köni­ge scharf kri­ti­siert, wenn sie Unrecht taten. Nathan stell­te sich David ent­ge­gen, als die­ser Schuld auf sich lud. Elia trat Ahab gegen­über, als die­ser Unrecht beging. Die Bot­schaft war klar. Auch der König steht unter Got­tes Gesetz. Kein Herr­scher darf machen, was er will. Psalm 2 beschreibt zwar die Macht der Köni­ge, aber er endet mit der Mah­nung “So seid nun ver­stän­dig, ihr Köni­ge, und lasst euch war­nen, ihr Rich­ter auf Erden!” (Psalm 2,10). Macht ohne Got­tes­furcht führt ins Gericht.

Die Fra­ge nach Krieg ist beson­ders schwer. Die Bibel berich­tet von Krie­gen, sie beschreibt sie, aber sie ver­herr­licht sie nicht. Krieg ist Aus­druck einer gefal­le­nen Welt. Jesus selbst sagt in Mat­thä­us 5,9 “Selig sind die Fried­fer­ti­gen; denn sie wer­den Got­tes Kin­der hei­ßen.” Das Ziel Got­tes ist nicht Zer­stö­rung, son­dern Ver­söh­nung. Wenn Regie­run­gen mili­tä­ri­sche Gewalt ein­set­zen, müs­sen sie sich an Maß­stä­ben mes­sen las­sen, die mit Gerech­tig­keit, Schutz des Lebens und Wah­rung des Rechts zu tun haben. Wahl­lo­ses Töten wider­spricht dem Wesen Got­tes, der in Hese­kiel 18,23 spricht, dass er kein Gefal­len am Tod des Gott­lo­sen hat, son­dern dar­an, dass er umkehrt und lebt. “Meinst du, dass ich Gefal­len habe am Tode des Gott­lo­sen, spricht Gott der HERR, und nicht viel­mehr dar­an, dass er sich bekehrt von sei­nen Wegen und am Leben bleibt?”

Es ist daher ein Miss­ver­ständ­nis zu glau­ben, Römer 13 erlau­be gren­zen­lo­se Macht. Pau­lus schrieb die­se Wor­te unter einer heid­ni­schen Regie­rung, die kei­nes­wegs gerecht war. Den­noch ruft er nicht zur Anar­chie auf. Er ruft zu einer Hal­tung auf, die Ord­nung ach­tet und Cha­os ver­mei­det. Gleich­zei­tig wuss­te er, dass die­se Regie­rung ihn ver­fol­gen und schließ­lich hin­rich­ten wür­de. Sei­ne Unter­ord­nung war kein nai­ver Glau­be an die Güte des Staa­tes, son­dern Aus­druck sei­nes Ver­trau­ens auf Gott, der auch durch unge­rech­te Sys­te­me hin­durch sei­ne Geschich­te schreibt.

Für das heu­ti­ge Isra­el oder jede ande­re Nati­on gilt das­sel­be Prin­zip. Gott ist sou­ve­rän. Regie­run­gen ste­hen unter sei­ner Zulas­sung. Doch sie blei­ben ihm ver­ant­wort­lich.

Die Pro­phe­ten haben gera­de Isra­el dar­an erin­nert, dass Erwäh­lung nicht vor Gericht schützt. Amos 3,2 ent­hält die erns­te Wor­te Got­tes an sein eige­nes Volk “Aus allen Geschlech­tern auf Erden habe ich allein euch erkannt, dar­um will ich auch an euch heim­su­chen all eure Sün­de.” Nähe zu Gott bedeu­tet grö­ße­re Ver­ant­wor­tung, nicht gerin­ge­re.

Amos 3,2 macht deut­lich, dass Erwäh­lung immer Ver­ant­wor­tung bedeu­tet. Wenn Gott sagt: „Aus allen Geschlech­tern auf Erden habe ich allein euch erkannt, dar­um will ich auch an euch heim­su­chen all eure Sün­de“, dann meint „erken­nen“ nicht blo­ßes Wis­sen, son­dern eine beson­de­re, bun­destreue Zuwen­dung. Isra­el war das Volk, das Got­tes Nähe, sei­ne Offen­ba­rung, sei­ne Gebo­te und sei­ne Für­sor­ge erfah­ren hat­te. Doch gera­de die­se Nähe macht das Volk nicht unan­tast­bar – im Gegen­teil: Sie erhöht die Rechen­schaft. Wer mehr Licht hat, steht unter grö­ße­rer Ver­ant­wor­tung. Amos erin­nert Isra­el dar­an, dass Got­tes Erwäh­lung kein Schutz­schild gegen Gericht ist, wenn das Herz sich von ihm ent­fernt. Gott rich­tet sein eige­nes Volk nicht trotz, son­dern wegen sei­ner Erwäh­lung – weil er hei­lig ist und weil er sein Volk nicht in der Sün­de belässt. Die­ser Vers zeigt: Geist­li­che Pri­vi­le­gi­en sind kein Frei­brief, son­dern ein Ruf zu Treue, Gerech­tig­keit und Umkehr.

Das rich­ti­ge Ver­ständ­nis die­ser Tex­te bewahrt uns vor zwei Extre­men. Es bewahrt uns vor blin­dem Gehor­sam, der jedes staat­li­che Han­deln hei­ligt. Und es bewahrt uns vor einer Hal­tung, die jede Auto­ri­tät grund­sätz­lich ver­ach­tet. Chris­ten leben in einer Span­nung. Sie respek­tie­ren die Ord­nung, sie beten für Regie­ren­de, wie es 1 Timo­theus 2,1–2 nahe­legt, damit ein ruhi­ges und stil­les Leben mög­lich ist. Gleich­zei­tig prü­fen sie alles am Maß­stab von Got­tes Wort: “So ermah­ne ich nun, dass man vor allen Din­gen tue Bit­te, Gebet, Für­bit­te und Dank­sa­gung für alle Men­schen, für die Köni­ge und für alle Obrig­keit, damit wir ein ruhi­ges und stil­les Leben füh­ren kön­nen in aller Fröm­mig­keit und Ehr­bar­keit.” 

Diet­rich Bon­hoef­fer, der sich dem Unrecht des Natio­nal­so­zia­lis­mus wider­setz­te, sag­te sinn­ge­mäß, dass nicht jede staat­li­che Ord­nung schon dadurch gerecht ist, dass sie besteht. Sein Leben zeigt, wie ernst die­se Fra­ge wer­den kann. Unter­ord­nung endet dort, wo der Staat zum offe­nen Feind des gött­li­chen Rechts wird. Am Ende bleibt die tröst­li­che und zugleich her­aus­for­dern­de Wahr­heit. Gott ver­liert nie die Kon­trol­le über die Geschich­te. Aber er dele­giert Ver­ant­wor­tung. Regie­run­gen sind Werk­zeu­ge, nicht Her­ren der Welt. Ihr Han­deln wird gemes­sen wer­den. Offen­ba­rung 20 spricht vom Gericht Got­tes über alle. Die­se Per­spek­ti­ve rela­ti­viert jede irdi­sche Macht. Kein Prä­si­dent und kein Gene­ral steht über dem Rich­ter der Welt.

Dar­um dür­fen Regie­run­gen nicht machen, was sie wol­len. Sie dür­fen nicht wahl­los töten. Sie dür­fen nicht ande­re Län­der aus blo­ßem Macht­stre­ben angrei­fen. Sie ste­hen unter Got­tes mora­li­schem Gesetz. Chris­ten sind auf­ge­ru­fen, für Gerech­tig­keit ein­zu­tre­ten, für Frie­den zu beten und in allem Gott mehr zu gehor­chen als den Men­schen. Die­se Hal­tung ist weder rebel­lisch noch unter­wür­fig. Sie ist Aus­druck eines Glau­bens, der weiß, dass alle Macht letzt­lich von Gott kommt und zu ihm zurück­kehrt.

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